Zoom: Wie Hans Zimmer die Filmmusik veränderte

Vorwort: „Zoom“ ist mein neues Format, in dem ich mir gewisse Personen, Aspekte des Films und heutige Entwicklungen genauer unter die Lupe nehme. Hier gebe ich ein Porträt ab über den Werdegang von Hans Zimmer und nehme Bezug auf die Entwicklung der Filmmusik. Das Format ist sehr aufwendig, daher wird es in unregelmäßigen Abständen hierzu Beiträge geben.


Bedächtig setzt das Klavier ein. Spärlich gibt es die ersten paar Töne von sich.
Dann wieder Stille.
Leise setzen nun Buschtrommeln ein, die immer lauter, immer mächtiger werden. Begleitet werden sie von den Streichern, sie verstärken ihre Präsenz und untermalen ihre Rhythmik.
Das Klavier setzt wieder ein und spielt seine Anfangsfigur, jetzt aber bekräftigt durch die Blasinstrumente.
Das ganze Orchester bewegt sich gemeinsam immer weiter Richtung Höhepunkt, melodische Varianz gibt es kaum, es wird bloß immer lauter, es bahnt sich etwas an:
Und dann ist es so weit, die Bläser entfalten ihre ganze Kraft, die Streicher und Trommeln geben nun in voller Lautstärke das Tempo vor in ihrer unaufhaltsamen Rhythmik. Es wirkt bombastisch, nur um dann von jetzt auf gleich wieder zu verstummen.

Vielleicht habe ich es geschafft eure Vorstellungskraft anzuregen und ihr hattet bereits einen Score (Bedeutung: siehe Lexikon) im Sinn. Für alle die sich damit schwer tun, kommt hier der Song den ich gerade beschrieben habe:

https://www.youtube.com/watch?v=HH1l5okI9mE

Es handelt sich um Hans Zimmers Score zu „Man of Steel“ aus dem Jahre 2013 von Regisseur Zack Snyder. Zugegebenermaßen finde ich den Film selbst nicht so gut und mag ihn auch gar nicht mal besonders. Der Score und vor allem dieser Song hingegen gefallen mir sehr. Es ist nicht Hans Zimmers populärster, dennoch ist es in meinen Augen ein perfektes Beispiel für seine Werke, die mehr oder minder oft das gleiche Schema haben, welches er etabliert hat. Das wird hoffentlich auch dadurch gezeigt, dass diejenigen unter euch, die sich unter meiner Beschreibung am Anfang etwas vorstellen konnten, gar an einen anderen Score gedacht haben.

Um Hans Zimmers Stil und Methodik und seinen Einfluss auf die heutige Filmmusik aufzuzeigen, skizziere ich zunächst einmal seinen Werdegang:

Hans Zimmers Anfänge

Zu Beginn seiner Karriere in den 80er- und 90er-Jahren ließ sich seine heutige Handschrift noch nicht erkennen. Bekannt war er damals für Kompositionen wie für „Rain Man“, „Driving Miss Daisy“ oder spätestens für „König der Löwen“. Letzterer brachte ihm auch schon direkt einen Oscar ein, der bis heute sein einziger bleiben sollte. Klar war jedoch, dass er ein Sonderling der Filmmusik werden würde.

Zu der Zeit war die Filmmusik geprägt von ikonischen Melodien wie die von „Der weiße Hai“, „Star Wars“, „Indiana Jones“, „Zurück in die Zukunft“ oder „Jurassic Park“. Hauptakteur war natürlich der große John Williams. Er verschaffte den Filmen Hollywoods eine ganz eigene Identität. Er machte Leitmotive in den Scores populär. Sie sind musikalische Motive, die innerhalb eines Films immer wieder aufgegriffen werden und bestimmte Figuren, Gruppen oder Handlungen charakterisieren (Beispiel: „The Imperial March“ als Theme für Darth Vader in „Das Imperium schlägt zurück“). Dies war auch noch bis Anfang der 2000er Usus, dort komponierte John Williams für die „Harry Potter“-Reihe einprägsame Melodien. Für ein anderes Beispiel sorgte Howard Shore in der Herr der Ringe-Triloge, in denen er sich ebenfalls das Prinzip des Leitmotivs zu Nutze machte (Songbeispiel: „The Fellowship“).

Willkommen im 21. Jahrhundert

Ihr werdet es vielleicht bereits erahnen, diese stillen Konventionen der Film-Komponisten wurde schon bald gebrochen, aber eins nach dem anderen. Zurück zu Hans Zimmer: das experimentierfreudige Sonderkind brachte 2000 mit seinen Kompositionen für Gladiator wieder etwas völlig anderes hervor. Wo noch kein eindeutiger Stil seinerseits auszumachen war, begann 3 Jahre später ein großer Trend:
2003 produzierte er für Fluch der Karibik. Das ist der Punkt wo es immer bombastischer wurde, wo Hans Zimmer zum Rocker unter den Filmmusikern wurde.

Bei diesem Werk lässt sich erstmals mein eingangs skizziertes Schema anwenden, wenn sich das ganze Orchester um einen Höhepunkt herum aufbaut.

Was genau machte er anders?

2005 kam dann die „The Dark Knight“-Trilogie (Songbeispiel: „Like A Dog Chasing Cars“). Für Hans Zimmer war nun nicht länger die Melodie im Vordergrund. Er feilte an seinem ganz eigenen Stil, die meisten Instrumente des Orchesters konzentrierten sich nun viel mehr auf die Rhythmik. Seine Musik wurde unaufhaltsam, nervenaufreibend und aggressiv. Sein Markenzeichen wurden dröhnende Hörner, begleitet von protzigen Buschtrommeln und Streichern, deren Fokus nicht mehr auf der Melodie lag.

Wem seine Handschrift bei der „The Dark Knight“-Trilogie noch nicht deutlich genug war, konnte sie spätestens 2010 direkt in der Anfangssequenz von „Inception“ erkennen. Mit der E-Gitarre hatte er dort ein neues Spielzeug „Dream Is Collapsing“ ist das wohl beste Beispiel seiner Werke, die in einem pompösen Höhepunkt gipfeln, welcher von seinem neuen Markenzeichen untermalt wird.
Hans Zimmer löste sich von Traditionen. Er ergänzte orchestrale Musik mit elekronischer. Er vermischte damit zwei komplett unterschiedliche Generationen.

Seine Entwicklung wurde dann durch „Man of Steel“ (2013) und schließlich durch „Interstellar“ (2014) fortgeführt. Natürlich besann sich Hans Zimmer bei dem Science-Fiction-Streifen auf ruhigere Töne und rückte die Orgel in den Fokus womit er mal wieder seine Vielseitigkeit erwies. Dennoch macht sich auch bei diesem Score seine Handschrift mehr als erkenntlich. Hier lässt er in den Höhepunkten die Orgelpfeifen laut aufdröhnen.

Für Hans Zimmer stand nicht länger das Leitmotiv und die Melodie im Fokus. Er konzentrierte sich viel mehr auf die Spannung, die Musik erzeugen kann. Sein Score spiegelt die Atmosphäre eines Films wider, er untermalt die abgebildete Stimmung. Die Musik gab nicht länger den Figuren und der Handlung Identität, sondern war nun viel mehr an das Bild auf der Leinwand gekoppelt und erweiterte das Visuelle mit dem Auditiven, um es gemeinsam zu einem audiovisuellen Gesamteindruck zu formen.

2017 war er dann wie geschaffen für „Dunkirk“, dessen zentrale Filmthematik er wunderbar in seine Komposition aufnahm, nämlich: die Zeit als tickende Bombe.

Hans Zimmers Einfluss auf die restliche Filmlandschaft

Natürlich kann man ihn nicht alleine verantwortlich für einen gewissen Trend machen. Dennoch lässt sich zweifellos sagen, dass er eine andere Herangehensweise an die Filmmusik populär und salonfähig gemacht hat. Die meisten Scores konzentrieren sich mittlerweile auf die Atmosphäre eines Films. Den viel zu früh verstorbenen Jóhann Jóhannsson hat dies zum Beispiel hervorgebracht. Er komponierte für „The Arrival“ und „Sicario“ sehr unmelodische, atmosphärische Musik (Songbeispiel: „The Beast“ aus „Sicario“).

Allerdings erweist sich aus diesem Trend auch eine Gefahr. Denn der Filmmusik mangelt es dadurch immer mehr an Identität, sie wird austauschbar. Es gibt kaum Melodien aus den letzten Jahren die hängen bleiben.
Bestes Beispiel sind die Scores zu den Marvel Filmen. Zahlreiche Superhelden bieten so viel Möglichkeiten zur musikalischen Ausarbeitung von Motiven. Dieses Potential wird aber leider nicht mehr ausgeschöpft.

Um es euch deutlich zu machen, versucht an das bedrohliche Darth Vader Theme „The Imperial March“ zu denken. So gut wie jeder, selbst die die den Film nicht kennen, müssten die Melodie im Kopf haben.

Dam dam dam, dam dadam, dam dadam.

Jetzt versucht mal das Theme von Alan Silvestri für die „Avengers“ zu summen, das in jedem ihrer Filme vorkommt.
Den meisten wird dies vermutlich sehr schwer fallen ohne nachzuschauen, obwohl die Filme die erfolgreichsten unserer Zeit sind.

(Das Beispiel habe ich aus einem Video von „Every Fram a Painting“ aufgegriffen, dass ich vor langer Zeit mal gesehen habe und welches ich sehr empfehlen kann.)

Um zurück zum Thema zu kommen: Auch Hans Zimmer bereitet mir da Sorgen und ich fange an diesen ganzen Trend langsam kritisch zu sehen. Wie sich bereits öfters herausgestellt hat bin ich riesiger Fan, allerdings bin ich großer Gegner des „More of the same“-Prinzips. So enttäuschte sein Score im letzten Jahr zu „Widows“ extrem, in dem er quasi nur nach Schema F komponierte und man seine Handschrift richtig auf die Nase gebunden bekommt (Songbeispiel: „The Job“ aus „Widows“).

Den Trend den Hans Zimmer herbeigeführt hat, entwickelt sich allmählich negativ und man hört in immer mehr Blockbustern den gleichen, belanglosen und untermalenden Score zum Film. Der Musik an sich wird kaum noch Charakter verliehen.
Wie sich das weiterentwickelt wird sich zeigen, vielleicht geht es ja auch wieder weg von der atmosphärischen Musik. Letztendlich spricht der Erfolg von Hans Zimmer für ihn und es ist auch gut und wichtig, dass er der Filmmusik eine neue Facette beigefügt hat. Schließlich kann man sich vor seinem Lebenswerk verneigen.

Hans Zimmer zählt zu den größten Filmkomponisten aller Zeiten und er steht sinnbildlich für die Ablösung der alten, traditionellen Garde um John Williams herum. Seine Soundtrack-Alben verkauften sich weltweit mehr als 19 Millionen Mal. Seit den 80ern komponierte er für mehr als 100 Filme und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Neben seinem Oscar für „König der Löwen“ wurde er 10 Mal nominiert.


Abschließender, persönlicher Kommentar:
Der Beitrag ist etwas lang geworden, aber ich wollte dem Werdegang von Hans Zimmer gerecht werden und auch diejenigen abholen, die kein Vorwissen haben. Ich hoffe, dass das Interesse für den Beitrag unter dem Umfang nicht leidet. Außerdem ist mir bewusst, dass einiges ausgelassen wird und ebenso auch andere bedeutende Komponisten dabei in der Thematik außen vor bleiben. Hans Zimmer wurde hier sinnbildlich für eine Entwicklung der Filmmusik genommen.

Was haltet ihr von Hans Zimmer? Was sind eure Berührungspunkte mit ihm? Wie fandet ihr meinen Beitrag und interessieren euch mehr solcher Themen? Wie findet ihr das Format? In diesem Beitrag steckt viel Zeit und Mühe, also schreibt es doch gerne in die Kommentare, gebt mir Rückmeldungen und Anregungen oder stellt eure Fragen. Gerne könnte ihr auch weitere Themenvorschläge machen! Vielen Dank für eure Zeit und Aufmerksamkeit 🙂

3 Kommentare zu „Zoom: Wie Hans Zimmer die Filmmusik veränderte

Gib deinen ab

  1. Cooler Beitrag. Es gibt keine langen und kurzen Beiträge. Nur gute und schlechte. Und der hier ist sehr gut. Tolles Format. Ich weiß, dass die aufwändigsten Beiträge in unserer „Szene“ meistens die sind, die am wenigsten Aufmerksamkeit bekommen. Das ist bei mir so und das habe ich auch schon von einigen Kollegen gehört. Da kann man wohl nix machen. Ich bin jedenfalls gespannt was in diesem Format noch so kommt .

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank 🙂 Meine Sorge ist halt, dass bei einem Laien zu wenig Interesse geweckt wird und dann auch noch die Länge umso mehr abschreckt. Hinzu kommt ja, dass nicht unbedingt jeder Filmliebhaber auch noch was mit der Musik anfangen kann. Das ist halt etwas schwierig zu handlen.
      War jetzt ein Thema, dass mir schon länger auf dem Herzen brannte, daher konnte ichs auch relativ locker von der Seele herunterschreiben 😀 Wenn es wenig Aufmerksamkeit bekommt ist es halt schade, aber es ist hauptsächlich für mich eine Form, mich mit Themen auseinander zu setzen. deshalb lohnt es sich auf jeden Fall

      Gefällt 1 Person

      1. Das ist eine gute Einstellung. Generell muss man sich meiner Meinung nach irgendwann entscheiden für wen man (außer sich selbst) schreiben will. Für Laien, die sich ganz sicher nicht für solche Artikel interessieren, oder für Filmfans, von denen es nicht ganz so viele gibt, die aber dafür mehr Interesse an solchen Formaten haben.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: